PISA 2025: Warum Kinder verlässliche Unterstützung beim Lernen brauchen
Wer ist für Ihr Kind da, wenn Lernen schwierig wird?
Ein Kind sitzt vor seinen Hausaufgaben und kommt nicht weiter. Gibt es jemanden, den es fragen kann? Jemanden, der zuhört, seine Anstrengung wahrnimmt und mit ihm den nächsten Schritt sucht? Solche alltäglichen Situationen zeigen, wie persönlich Lernbegleitung ist.
PISA untersucht auch, welche Unterstützung Jugendliche durch Lehrpersonen und Familie erleben. Die Ergebnisse geben Anlass, genauer hinzuschauen: Weiss mein Kind, an wen es sich wenden kann – und erlebt es die angebotene Hilfe als hilfreich?
Eltern, Grosseltern, Verwandte, vertraute Erwachsene und Lernbegleiter können dabei unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Gemeinsam können sie einen verlässlichen Rahmen schaffen, in dem Kinder Fragen stellen, Schwierigkeiten ansprechen und zunehmend selbstständig weiterkommen.
Wie Jugendliche Unterstützung erleben
Die Antworten der Jugendlichen zeigen, wie regelmässig bestimmte Formen von Unterstützung bei ihnen ankommen.
Die im September 2026 veröffentlichten Ergebnisse von PISA 2025 zeigen: In der Schweiz berichten 60 Prozent der 15-Jährigen, dass sich ihre Lehrperson in den meisten oder allen Naturwissenschaftsstunden für das Lernen jedes Einzelnen interessiert. Im OECD-Durchschnitt sind es 69 Prozent. Die übrigen Jugendlichen erleben dieses Interesse seltener. Gegenüber 2015 zeigt sich bei den untersuchten Formen der Unterstützung durch Lehrpersonen kein durchgehender Rückgang.

Bei Gesprächen mit Eltern oder Erziehungsberechtigten fällt hingegen eine Veränderung auf: 41 Prozent der Jugendlichen berichten 2025 von mindestens wöchentlichen Gesprächen über mögliche Probleme in der Schule. 2022 waren es noch 52 Prozent.
OECD-Länderbericht Schweiz

Solche Angaben beschreiben wahrgenommene Gesprächs- und Unterrichtsgewohnheiten. Nicht jedes Kind hat jede Woche schulische Probleme, und die Befragung erklärt nicht, weshalb bestimmte Gespräche seltener stattfinden. Sie regt aber eine sinnvolle Frage an: Wie erlebt unser Kind die Begleitung in seinem Alltag?
Unterstützung muss beim Kind ankommen
Gute Begleitung berücksichtigt, wie das Kind die angebotene Hilfe erlebt.
Eltern organisieren vieles: Schulmaterial, Termine, Prüfungsvorbereitung und Gespräche mit Lehrpersonen. Dazu kommt die persönliche Frage, ob sich das Kind mit seinen Schwierigkeiten verstanden fühlt. Beides verdient Aufmerksamkeit.
Die OECD unterscheidet deshalb zwischen dem Engagement von Eltern in Schulaktivitäten und der Unterstützung, die Jugendliche im Alltag wahrnehmen. Gerade das Interesse am täglichen Lernen hängt positiv mit den Naturwissenschaftsleistungen zusammen. Dieser Zusammenhang bleibt auch bestehen, wenn der soziale Hintergrund berücksichtigt wird. Eine Ursache-Wirkungs-Beziehung lässt sich daraus nicht ableiten.
OECD: Familiäre Unterstützung
Im Alltag lohnt sich daher eine gelegentliche Rückfrage: «Wann hilft dir unsere Unterstützung besonders?» Vielleicht wünscht sich das Kind zuerst Ruhe, eine Erklärung oder jemanden, der einfach zuhört. Seine Antwort hilft, die Begleitung besser auf die Situation abzustimmen.
Warum Beziehungen für das Lernen wichtig sind
Eine tragfähige Beziehung kann Kindern helfen, sich auf schwierige Lernschritte einzulassen.
Eine Meta-Analyse von 189 Studien untersuchte die Beziehungen zwischen Lehrpersonen und Lernenden. Positive Beziehungen gingen mit stärkerem Engagement und besseren schulischen Leistungen einher. Ein Teil des Zusammenhangs mit Leistung liess sich statistisch über das Engagement erklären. Die Befunde betrafen sowohl die Primar- als auch die Sekundarstufe.
Roorda und Kollegen, 2017
Für die Lernbegleitung leiten wir daraus ab: Kinder sollten erleben, dass sie Unverständnis zeigen dürfen und ihre Fragen ernst genommen werden. Wer fragt, gibt seinem Gegenüber die Möglichkeit, an der richtigen Stelle zu helfen.
Dazu passen konkrete Rückmeldungen: «Du hast die Aufgabe in einzelne Schritte zerlegt. Dadurch bist du weitergekommen.» Solche Beobachtungen machen Fortschritte sichtbar und zeigen dem Kind, dass sich jemand mit seinem Lernweg beschäftigt.
Eltern müssen nicht jede Aufgabe erklären können
Eltern können Rückhalt geben, Fragen klären und geeignete Hilfe organisieren.
Dazu gehört, dem Kind eigenes Denken zuzutrauen und seine Sicht ernst zu nehmen. Eine Meta-Analyse von 36 Studien zeigt: Elterliche Unterstützung, die die Eigenständigkeit des Kindes respektiert, hängt unter anderem mit höherer Motivation, wahrgenommener Kompetenz und besseren schulischen Leistungen zusammen.
Vasquez und Kollegen, 2016
Ein Beispiel: Eine Schülerin klappt nach einer schwierigen Aufgabe das Heft zu. Ihr Grossvater kennt den Lösungsweg ebenfalls nicht. Er fragt, was sie bereits verstanden hat, hört zu und hilft ihr, eine konkrete Frage für die Lehrperson zu formulieren.
Der nächste Schritt bleibt beim Kind. Die erwachsene Person hilft dabei, ihn überschaubar zu machen. Eine Frage wie «Möchtest du es mir zuerst erklären oder sollen wir gemeinsam überlegen, wen du fragen kannst?» bietet Orientierung und lässt dem Kind Mitsprache.
Ein Unterstützungsnetz kann mehrere Schultern haben
Verlässliche Begleitung kann von verschiedenen Menschen kommen, die unterschiedliche Stärken einbringen.
Forschung zu informellen Mentoren untersucht unterstützende Beziehungen zu Erwachsenen aus dem bestehenden Umfeld von Jugendlichen. Eine Meta-Analyse von 30 Studien fand positive Zusammenhänge mit der Entwicklung junger Menschen. Dabei hing die Qualität der Beziehung stärker mit positiven Ergebnissen zusammen als das blosse Vorhandensein einer Bezugsperson.
Van Dam und Kollegen, 2018
Für den Familienalltag lässt sich daraus die Anregung ableiten, passende Bezugspersonen bewusst einzubeziehen. Ein solches Netz könnte beispielsweise so aussehen:
- Eltern behalten mit dem Kind den Überblick und stimmen sich mit der Schule ab.
- Grosseltern, Verwandte oder vertraute Erwachsene nehmen sich regelmässig Zeit zum Zuhören, Lesen oder gemeinsamen Üben.
- Freunde und Lernpartner erklären sich Aufgaben gegenseitig und vergleichen ihre Überlegungen.
- Lehrpersonen und zusätzliche Lernbegleiter helfen bei fachlichen Fragen und geben gezielte Rückmeldungen.
Welche Personen passen, sollte das Kind mitentscheiden. Klare, realistische Absprachen schaffen Verlässlichkeit: Wer ist wofür ansprechbar, und wann gibt es Zeit füreinander?
Das Wichtigste auf einen Blick
-
Die Sicht des Kindes zählt.
Fragen Sie nach, welche Unterstützung es als hilfreich erlebt. -
Persönliches Interesse gehört zur Lernbegleitung.
Zuhören und konkrete Rückmeldungen zeigen, dass jemand den Lernweg wahrnimmt. -
Unterstützung darf sich verteilen.
Eltern, Grosseltern, vertraute Menschen und Fachpersonen können unterschiedliche Aufgaben übernehmen. -
Gute Begleitung lässt Verantwortung wachsen.
Das Kind erhält passende Hilfe und übernimmt zunehmend selbst den nächsten Schritt.
Mit einem Gespräch beginnen
Nehmen Sie sich einen ruhigen Moment und fragen Sie Ihr Kind, an wen es sich wendet, wenn Lernen schwierig wird. Was hilft ihm dann? Gibt es Situationen, in denen es sich mehr Unterstützung wünscht?
Daraus kann eine kleine, konkrete Verabredung entstehen: eine feste Zeit zum Besprechen offener Fragen oder ein gemeinsam vorbereitetes Gespräch mit der Lehrperson. Entscheidend ist, dass die Vereinbarung zum Bedarf des Kindes passt und im Alltag eingehalten werden kann.
«Was würde dir helfen – und wer könnte dich dabei unterstützen?»
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Gemeinsam besprechen wir Ihre Beobachtungen und mögliche nächste Schritte.
Quellen
OECD (2026)
PISA 2025 Results, Volume I: Country Note — Switzerland
Schweizer Ergebnisse zur wahrgenommenen Unterstützung durch Lehrpersonen und Familie.
OECD (2026)
PISA 2025 Results, Volume I: Student school life and beyond
Kapitel 4 zu schulischem Umfeld, familiärer Unterstützung und Zusammenhängen mit dem Lernen.
Roorda, D. L., et al. (2017)
Affective Teacher–Student Relationships and Students’ Engagement and Achievement
Meta-Analyse. School Psychology Review, 46(3), 239–261.
Vasquez, A. C., et al. (2016)
Parent Autonomy Support, Academic Achievement, and Psychosocial Functioning
Meta-Analyse. Educational Psychology Review, 28, 605–644.
Van Dam, L., et al. (2018)
Does Natural Mentoring Matter?
Meta-Analyse zu informellen Mentoring-Beziehungen. American Journal of Community Psychology, 62, 203–220.
Nickow, A., Oreopoulos, P., & Quan, V. (2024)
The Promise of Tutoring for PreK–12 Learning
Systematische Übersicht und Meta-Analyse experimenteller Studien. American Educational Research Journal, 61(1), 74–107.
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