Lernen mit ADHS: Herausforderungen verstehen, Stärken erkennen, gezielt unterstützen
ADHS bedeutet nicht nur Ablenkung, Unruhe oder Konflikte rund ums Lernen. Wer die eigenen Muster versteht, kann Schwierigkeiten gezielter auffangen – und Stärken bewusst nutzen. Genau darin liegt oft der entscheidende Unterschied.
Was ist ADHS – und wie häufig ist es?
ADHS ist eine meist im Kindesalter auftretende Entwicklungsstörung. Typisch sind Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität. Wichtig ist dabei: ADHS sieht nicht bei jedem Kind gleich aus. Manche Kinder sind sehr impulsiv und sichtbar unruhig. Andere wirken eher verträumt, vergessen viel oder haben Mühe, Aufgaben zu Ende zu bringen. Genau deshalb ist ein differenzierter Blick so wichtig. Das Bundesamt für Gesundheit betont ausdrücklich, dass die Ausprägungen sehr unterschiedlich sein können und auch der Leidensdruck stark variiert. (Bundesamt für Gesundheit BAG)
Bei der Frage, wie häufig ADHS ist, lohnt sich Vorsicht. Für die Schweiz gibt es keine einheitliche „eine richtige Zahl“. Je nach Studie und Methode unterscheiden sich die Angaben deutlich. Im BAG-FOKUS-Bericht wird auf frühere Schweizer Daten verwiesen, wonach rund 4 bis 10 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Schulalter betroffen sein könnten. Ein anderer Schweizer Bundesbericht nennt eine Grössenordnung von 3 bis 5 Prozent. Neuere internationale Übersichtsarbeiten zeigen zusätzlich, dass die Resultate stark davon abhängen, wie gemessen wird: Registerstudien kommen auf deutlich tiefere Werte als Befragungen oder klinische Studien. Steigende Diagnosen bedeuten deshalb nicht automatisch, dass die „wahre“ Prävalenz im selben Ausmass steigt. (BAG-FOKUS-Bericht; Bundesratsbericht/BAG; Popit et al., 2024)
✦ ADHS zeigt sich sehr unterschiedlich – pauschale Zahlen und einfache Schubladen greifen deshalb oft zu kurz.
Warum ist Lernen mit ADHS im Schulalltag oft so anstrengend?
Im Schulalltag geht es nicht nur darum, „sich zu konzentrieren“. Kinder müssen Aufgaben anfangen, Material organisieren, Anweisungen behalten, Ablenkungen ausblenden, Frust aushalten, Fehler unter Zeitdruck vermeiden und sich immer wieder selbst steuern. Genau diese Prozesse sind für viele Kinder mit ADHS besonders anspruchsvoll. Forschung zeigt klar, dass ADHS mit schwächeren schulischen Leistungen, schlechteren Ergebnissen in Lesen und Mathematik und einem erhöhten Risiko für schulische Schwierigkeiten verbunden sein kann. Das heisst nicht, dass jedes Kind mit ADHS schlechte Leistungen hat – aber es bedeutet, dass der Schulalltag für viele deutlich mehr Kraft kostet. (Loe & Feldman, 2007)
Für Eltern zeigt sich das oft zuhause: Hausaufgaben dauern ewig, Abende werden von Erinnern, Ermahnen und Diskussionen geprägt, und irgendwann leidet die Beziehung. Auch für Lehrpersonen ist die Situation anspruchsvoll. Sie möchten helfen, müssen aber gleichzeitig eine ganze Klasse führen. Darum ist ADHS nie nur eine Eigenschaft des Kindes – es ist auch eine Frage der Passung zwischen Kind, Anforderungen, Umfeld und Unterstützung. (Bundesamt für Gesundheit BAG)
✦ Die Herausforderung liegt oft nicht im Können, sondern darin, Aufmerksamkeit, Impulse, Frust und Organisation gleichzeitig zu steuern.
ADHS nur als Defizit zu sehen, greift zu kurz
So wichtig ein realistischer Blick auf die Schwierigkeiten ist: Ebenso wenig hilfreich ist es, ADHS nur problemorientiert zu sehen. In den letzten Jahren haben mehrere Studien gezeigt, dass viele Betroffene auch positive Seiten beschreiben – etwa Kreativität, Spontaneität, Humor, hohe Energie, starken inneren Antrieb oder Hyperfokus in Situationen, die sie wirklich interessieren. Das bedeutet nicht, dass ADHS pauschal eine „Superpower“ ist. Für viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene ist ADHS mit echtem Leidensdruck verbunden. Aber es ist ebenso falsch, nur Defizite zu sehen. Die ausgewogenere Perspektive lautet: ADHS kann Schwierigkeiten mit sich bringen – und gleichzeitig Ressourcen. Je besser jemand die eigenen Muster kennt, desto eher lassen sich diese bewusst nutzen. Viel Energie kann im falschen Rahmen stören, im richtigen Rahmen aber enorm wertvoll sein. (Sedgwick, Merwood & Asherson, 2019)
✦ ADHS kann belasten – aber auch mit Energie, Kreativität und starkem Fokus auf Interessengebiete verbunden sein.
Was leistet das Schulsystem?
Die Schule ist nicht machtlos. Im Kanton Zürich gibt es verschiedene Unterstützungsangebote innerhalb der Volksschule. Besonders wichtig ist die Integrative Förderung (IF). Sie unterstützt Kinder unter anderem beim allgemeinen Lernen und baut auf ihren Stärken auf. Hinzu kommt der Schulpsychologische Dienst, der Eltern, Lehrpersonen und Schulen bei Fragen zur Entwicklung und Förderung von Kindern berät. Diese Leistungen sind für Eltern kostenlos. Je nach Situation kann auch ein Nachteilsausgleich geprüft werden, damit Kinder mit einer Beeinträchtigung unter faireren Bedingungen geprüft werden können. In der Zürcher Broschüre zum Nachteilsausgleich wird ADHS ausdrücklich als Beispiel erwähnt – etwa wenn ein Kind während einer Prüfung kurz aufstehen und sich bewegen darf. (Kanton Zürich)
Gleichzeitig zeigt die Forschung auch: Nicht jede Standardmassnahme wirkt automatisch stark. Eine systematische Übersichtsarbeit kam zum Schluss, dass die Evidenz für viele schulische accommodations begrenzt ist. Das spricht nicht gegen Unterstützung – sondern gegen schematische Lösungen. Entscheidend ist, was zu diesem konkreten Kind passt. Genau darin liegt auch die Stärke guter pädagogischer Arbeit: nicht einfach Massnahmenlisten abarbeiten, sondern hinschauen, anpassen und eng zusammenarbeiten. (Lovett & Nelson, 2021)
✦ Die Schule kann unterstützen – aber wirksam wird Förderung vor allem dann, wenn sie wirklich zum einzelnen Kind passt.
Wie können Eltern ihr Kind konkret unterstützen?
Eltern müssen nicht Lehrperson oder Therapeutin werden. Aber sie können die Lernumgebung so gestalten, dass ihr Kind bessere Chancen hat, ins Tun zu kommen. Gut belegt ist das sogenannte Behavioral Parent Training beziehungsweise Elterntraining im Umgang mit Verhalten. Die CDC fasst zusammen, dass Elterntrainings Kindern helfen können, Verhalten, Selbstkontrolle und Selbstwert zu verbessern. Im Lernalltag heisst das oft etwas sehr Praktisches: ein klarer Arbeitsplatz, möglichst wenig Ablenkung, kleine und überschaubare Arbeitsschritte, kurze Rückmeldeschlaufen und konkretes positives Feedback. Nicht „Konzentrier dich doch einfach“, sondern zum Beispiel: „Lies zuerst nur Aufgabe 1“, „markiere die wichtigsten Informationen“ oder „du hast heute ohne Diskussion begonnen“. (CDC)
Hilfreich ist oft auch die Frage: Wann klappt es besser? Zu welcher Tageszeit? Mit welcher Länge? Mit welchen Pausen? Mit welcher Art von Erklärung? Viele Kinder mit ADHS sind nicht grundsätzlich unmotiviert. Sie brauchen häufiger eine Umgebung, die besser zu ihrem Profil passt. Das BAG betont ebenfalls, dass Unterstützung individuell und multimodal gedacht werden sollte. (Bundesamt für Gesundheit BAG)
✦ Klare Struktur, kleine Schritte und konkretes Feedback helfen oft mehr als Druck oder ständige Ermahnungen.
Unsere Erfahrung
Aus unserer Sicht ist ADHS ein sehr breites Spektrum. Vergleiche innerhalb dieser Gruppe sind oft wenig hilfreich. Das eine Kind kämpft vor allem mit Organisation, das andere mit Ausdauer, ein weiteres mit Frustration oder Prüfungsstress. Genau deshalb ist individualisierte Förderung so wichtig. Was in der Schule im Klassenverband nur begrenzt möglich ist, lässt sich in der individuellen Lernbegleitung oft gezielter umsetzen: Lernziele sichtbar machen, Aufgaben strukturieren, wirksame Lernstrategien aufbauen, Fortschritt festhalten und die Lernumgebung auf das Kind abstimmen. Unser eigener Ansatz baut genau auf solchen Prinzipien auf: individualisierte Förderung, Motivation, Lernstrategien, Selbstregulation und sichtbare Fortschritte.
✦ Was im Klassenverband oft nur begrenzt möglich ist, kann in der individuellen Förderung gezielt aufgebaut und sichtbar gemacht werden.
Highlights
- ADHS ist nicht bei jedem Kind gleich.- Prävalenzzahlen hängen stark davon ab, wie gemessen wird.
- Schule kann unterstützen, stösst im Alltag aber oft an praktische Grenzen.
- Eltern können im Lernalltag sehr konkret helfen – mit Struktur, kleinen Schritten und klarem Feedback.
- ADHS bringt nicht nur Herausforderungen mit sich, sondern kann auch mit Energie, Kreativität und Hyperfokus verbunden sein.
- Entscheidend ist nicht ein Standardrezept, sondern die Passung zwischen Kind, Umfeld und Unterstützung.
Fazit
ADHS sollte weder verharmlost noch romantisiert werden. Es ist eine reale Entwicklungsstörung, die Lernen und Alltag deutlich beeinflussen kann. Gleichzeitig greift ein rein defizitärer Blick zu kurz. Viele Kinder und Erwachsene mit ADHS bringen auch wertvolle Ressourcen mit. Gute Unterstützung bedeutet deshalb beides: Herausforderungen ernst nehmen und Stärken gezielt entwickeln. Für Eltern heisst das vor allem: genau hinschauen, das eigene Kind gut kennenlernen und nicht nur fragen, was nicht funktioniert, sondern auch, wann es besser funktioniert – und warum. Genau dort beginnt oft die wirksamste Unterstützung.
✦ ADHS braucht weder Romantisierung noch vorschnelle Urteile – sondern Verständnis, passende Strukturen und einen individuellen Blick.
ADHS braucht keine vorschnellen Urteile – sondern ein gutes Verständnis, klare Strukturen und einen Ansatz, der wirklich zum Kind passt. Wenn Sie besser verstehen möchten, wie Ihr Kind entspannter und wirksamer lernen kann, sprechen Sie mit uns.
Quellen
- Bundesamt für Gesundheit BAG. ADHS. Resultate des Projektes FOKUS in die Ausbildung integrieren.
https://www.bag.admin.ch/dam/de/sd-web/vD2SW3ykVaWi/bericht_des_bundesrates_postulats_herzog_verena.pdf - Neuenschwander, M. P., & Benini, S. FOKUS – Förderung von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten und Unaufmerksamkeit im Unterricht. Schlussbericht für das Bundesamt für Gesundheit.
https://www.bag.admin.ch/dam/bag/de/dokumente/npp/forschungsberichte/forschungsberichte-kinder-jugendgesundheit/fokus-foerderung-kinder-verhalten-unaufmerksamkeit.pdf.download.pdf/fokus-foerderung-kinder-verhalten-unaufmerksamkeit-unterricht-schlussbericht.pdf - ZHAW / BAG. Pilotstudie Kosten-Leistungsstatistik am Beispiel von methylphenidathaltigen Arzneimitteln.
https://www.bag.admin.ch/dam/de/sd-web/h5jeIVA943tH/pilotstudie-kosten-leistungsstatistik-methylphenidat-artznei-zhaw-2012.pdf - Popit, S., Serod, K., Locatelli, I., & Štuhec, M. (2024). Prevalence of attention-deficit hyperactivity disorder (ADHD): systematic review and meta-analysis. European Psychiatry.
https://www.cambridge.org/core/journals/european-psychiatry/article/prevalence-of-attentiondeficit-hyperactivity-disorder-adhd-systematic-review-and-metaanalysis/CBC560705C72C55848087632C13DBD37 - Loe, I. M., & Feldman, H. M. (2007). Academic and Educational Outcomes of Children With ADHD. Journal of Pediatric Psychology.
https://academic.oup.com/jpepsy/article/32/6/643/1021192 - Sedgwick, J. A., Merwood, A., & Asherson, P. (2019). The positive aspects of attention deficit hyperactivity disorder: a qualitative investigation of successful adults with ADHD. Attention Deficit and Hyperactivity Disorders.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30374709/ - Aben, B. et al. (2022). A qualitative and quantitative study of self-reported positive characteristics of individuals with ADHD.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9597197/ - Kanton Zürich. Besonderer Bildungsbedarf an der Volksschule.
https://www.zh.ch/de/bildung/schulen/volksschule/volksschule-besonderer-bildungsbedarf.html - Kanton Zürich. Schulpsychologie.
https://www.zh.ch/de/bildung/schulen/volksschule/volksschule-besonderer-bildungsbedarf/schulpsychologie.html - Kanton Zürich. Nachteilsausgleich in der Volksschule.
https://www.zh.ch/de/bildung/schulen/volksschule/volksschule-besonderer-bildungsbedarf/volksschule-nachteilsausgleich.html - Kanton Zürich. Broschüre Nachteilsausgleich bei der Leistungsbeurteilung.
https://www.zh.ch/content/dam/zhweb/bilder-dokumente/themen/bildung/informationen-fuer-schulen/informationen-fuer-die-volksschule/besonderer-bildungsbedarf/angebote-der-regelschule/broschuere_nachteilsausgleich.pdf - Lovett, B. J., & Nelson, J. M. (2021). Systematic Review: Educational Accommodations for Children and Adolescents With Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry.
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0890856720313332 - CDC. Parent Training in Behavior Management for ADHD.
https://www.cdc.gov/adhd/treatment/behavior-therapy.html
